PRISMA Flussdiagramm: Vorlage, Phasen & Tools
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Inhalt
Wenn du dich an eine systematische Übersichtsarbeit wagst, kommst du um zwei Dinge nicht herum: einen Stapel Papers und das PRISMA Flussdiagramm (englisch: PRISMA flowchart). Das Diagramm ist kein hübsches Beiwerk — es ist der visuelle Beweis, dass du deine Literaturrecherche sauber und nachvollziehbar gemacht hast. Wer es weglässt, riskiert beim Reviewer ein Stirnrunzeln. Wer es schlampig ausfüllt, sowieso.
Die gute Nachricht: Das Ding sieht komplizierter aus, als es ist. Vier Kästen, ein paar Zahlen, fertig. In dieser Anleitung gehen wir Schritt für Schritt durch, was in jedes Feld gehört, wo du die offizielle Vorlage bekommst und mit welchen Tools du das Diagramm am schnellsten erstellst — inklusive ein paar ehrlichen Worten zu KI-Helfern.
Wenn du erst noch wissen willst, wofür PRISMA als Ganzes da ist, schau dir vorher den Überblick an. Wenn du direkt loslegen willst — weiter im Text.
Wozu das PRISMA-Flussdiagramm dient
Das PRISMA Flussdiagramm (offiziell PRISMA 2020 flow diagram) zeigt den Weg deiner Treffer durch die Recherche: Wie viele Studien hast du gefunden? Wie viele waren Dubletten? Wie viele hast du aussortiert — und warum? Wie viele Studien sind am Ende in deinem Review gelandet?
Es ist also weniger ein Kunstwerk als eine Buchhaltung. Drei Funktionen hat es:
- Transparenz. Jeder Leser kann nachvollziehen, wie du auf deine eingeschlossenen Studien gekommen bist.
- Reproduzierbarkeit. Wenn jemand deine Suche wiederholt, sollte er ähnliche Zahlen herausbekommen.
- Qualitätscheck für dich selbst. Beim Ausfüllen merkst du sofort, wo deine Methodik dünn wird.
Pflicht ist das Diagramm in jeder systematischen Übersichtsarbeit nach PRISMA 2020 — und de facto auch in vielen Bachelor- und Masterarbeiten, sobald du behauptest, “systematisch” gesucht zu haben. Das Schwesterthema, also welche Items du nebenbei in der Checkliste abhaken musst, behandeln wir im Artikel zum prisma-schema-format.
Die vier Phasen (und was sich in PRISMA 2020 geändert hat)
Klassischerweise reden Leute von vier Phasen der Recherche — so war es im PRISMA 2009-Diagramm. In PRISMA 2020 wurden diese vier Phasen optisch zu drei Hauptblöcken zusammengezogen, inhaltlich passiert aber das Gleiche. Damit du beide Versionen verstehst, hier die vier Phasen einmal aufgeschrieben.
Phase 1: Identifikation
Hier kommt rein, was du beim ersten Schwung aus den Datenbanken zieht. Pro Datenbank notierst du die Trefferzahl: PubMed 421, Scopus 318, Web of Science 287 — summiert ergibt das deine “records identified from databases”. Dazu addierst du Treffer aus anderen Quellen: Handsuche in Zeitschriften, Referenzlisten anderer Reviews, Webseiten von Fachorganisationen, Studienregister wie ClinicalTrials.gov.
Danach folgt der erste Filter: Duplikate entfernen. Citavi, Zotero und EndNote machen das in einem Klick (mehr oder weniger zuverlässig — händisch nachsehen schadet nie). Die Zahl der entfernten Dubletten kommt in ein eigenes Feld.
Phase 2: Screening
Jetzt schaust du auf Titel und Abstract der verbleibenden Treffer und entscheidest grob: relevant oder raus? Das geht meist schnell — in einer Stunde schaffst du 100 bis 200 Abstracts, wenn du diszipliniert bist.
In dieses Feld kommen also zwei Zahlen: wie viele du gescreent hast und wie viele du auf Titel-/Abstract-Ebene ausgeschlossen hast. Gründe für den Ausschluss musst du hier noch nicht angeben — das machst du erst in Phase 3.
Phase 3: Eignung (Eligibility)
Jetzt liest du die Volltexte der verbliebenen Studien. Hier wird’s mühsamer und ehrlicher. Du dokumentierst:
- Wie viele Volltexte du anforderst (engl. “reports sought for retrieval”).
- Wie viele du nicht bekommen hast (Paywall, kein Open Access, Bibliotheksfernleihe gescheitert).
- Wie viele du eingehend geprüft hast (“reports assessed for eligibility”).
- Wie viele du ausgeschlossen hast — mit Begründung.
Genau diese Gründe sind das Herzstück des Diagramms. PRISMA verlangt, dass du sie aufschlüsselst: “falsches Studiendesign (n = 12), falsche Population (n = 8), kein Volltext verfügbar (n = 3)”. Das ist der Punkt, an dem viele schlampig werden — und genau der Punkt, an dem Reviewer hinsehen.
Phase 4: Eingeschlossen (Included)
Der letzte Kasten ist der einfachste: Wie viele Studien sind in deinem Review gelandet? Und, falls relevant, in der Meta-Analyse? Mehr nicht. Wenn diese Zahl jetzt zu klein wirkt — willkommen im Club. Bei systematischen Reviews bleiben aus tausenden Treffern oft ein paar Dutzend.
In PRISMA 2020 sind Phase 2 und 3 optisch zu einem Screening-Block zusammengefasst. Die einzelnen Zahlen verlangst du trotzdem — nur dass sie jetzt untereinander statt in zwei getrennten Kästen stehen. Inhaltlich ändert sich nichts.
Vorlage ausfüllen: Schritt für Schritt
Bevor du Software anwirfst, sammle deine Zahlen. Du brauchst:
- Treffer pro Datenbank (notiere Suchstring + Datum + Filter — spätestens beim Methodenteil bist du dankbar dafür).
- Zusätzliche Quellen (Handsuche, Register, andere Reviews).
- Anzahl Duplikate, die du entfernt hast.
- Gescreent vs. ausgeschlossen (Titel/Abstract).
- Volltexte angefordert — erhalten — ausgeschlossen mit Gründen.
- Final eingeschlossen — für den Review und ggf. für die Meta-Analyse separat.
Diese sechs Punkte sind alles, was in das Diagramm fließt. Pro Tipp: Trag die Zahlen in eine Excel-Tabelle ein, bevor du sie ins Diagramm überträgst. So findest du Rechenfehler (“identified minus duplicates ergibt nicht screened”) sofort.
Die offizielle Vorlage gibt es als Word- und PowerPoint-Datei zum Download auf der PRISMA-Statement-Webseite (prisma-statement.org). Beide enthalten zwei Varianten: eine für neue Reviews (“new reviews”) und eine für Updates bestehender Reviews — letztere hat zusätzliche Felder für die alten Studien.
Mein Vorschlag für die schnellste Route:
- Lade die Word-Vorlage herunter.
- Trag deine Zahlen ein.
- Exportiere als PDF.
- Fertig.
Klingt unspektakulär — ist es auch. PRISMA muss niemanden begeistern, sondern dokumentieren.
Tools zum Erstellen
Wenn die Word-Vorlage dir zu starr ist oder du das Diagramm anpassen willst, hast du Alternativen.
Offizieller PRISMA-Generator (Shiny App)
Die saubere Lösung. Die Forschergruppe um Neal Haddaway hat eine kostenlose Web-App gebaut, in die du deine Zahlen tippst — raus kommt ein PRISMA-2020-konformes Flussdiagramm als PDF, PNG oder SVG. Verlinkt ist sie ebenfalls auf prisma-statement.org. Vorteil: Du kannst nichts versehentlich am Layout zerschießen, und das Ergebnis ist garantiert standardkonform.
Word / PowerPoint
Die offizielle Vorlage in Word oder PowerPoint reicht für 95 % aller Hausarbeiten und Reviews. Bonus: Jeder hat es installiert, jeder kennt es. Nachteil: Wenn du an Schriftgröße oder Kästen herumschiebst, sieht das Diagramm schnell aus wie ein Powerpoint-Unfall.
draw.io / diagrams.net
Kostenlos, browserbasiert, und du behältst die Kontrolle über jedes Pixel. Geeignet, wenn du das Diagramm später in eine eigene Publikation einbettest und Schriften oder Farben anpassen musst. Importiere dir am besten ein vorhandenes PRISMA-Template (gibt’s in der draw.io-Vorlagenbibliothek), statt bei Null anzufangen.
LaTeX
Für alle, die ihre Arbeit ohnehin in LaTeX schreiben: Es gibt fertige Pakete (prisma.sty, tikz-basierte Vorlagen auf Overleaf), in die du nur deine Zahlen einsetzt. Sieht professionell aus, kostet aber Einarbeitung.
Ein ehrliches Wort zu KI-Tools
Tools wie Elicit, Consensus, Research Rabbit und SciSpace helfen dir, Treffer zu finden — sie ersetzen aber nicht deine Buchhaltung. Konkret heißt das: Wenn du Elicit nutzt, gehört es als Quelle ins Diagramm (“records identified from other sources: Elicit search, n = 42”). Du musst ehrlich angeben, dass du KI eingesetzt hast.
Was KI-Tools nicht tun:
- Sie ersetzen keine Datenbankrecherche. Reviewer erwarten weiterhin PubMed, Scopus & Co.
- Sie kennen nicht alle Studien (besonders ältere oder nicht-englische).
- Sie geben keine reproduzierbaren Suchstrings aus — ein Manko, das du im Methodenteil offenlegen musst.
Mehr dazu, wie du KI sinnvoll in die Literatursuche einbaust, steht im Beitrag zu KI für die Literaturrecherche. Kurzfassung: Als Ergänzung großartig. Als Hauptquelle gefährlich.
Häufige Fehler beim Ausfüllen
Aus Reviewer-Sicht die Top 5:
- Die Summen passen nicht. “Identified 1.024 minus duplicates 312 minus screened-out 580 ≠ assessed for eligibility 140”. Rechne nach, bevor du abgibst.
- Keine Ausschlussgründe in Phase 3. Ohne Gründe ist das Diagramm wertlos.
- Nur eine Datenbank. Eine systematische Suche braucht mindestens zwei bis drei einschlägige Datenbanken plus eine Handsuche.
- Kein Datum der Recherche. Gehört zwar nicht ins Diagramm, aber in den Methodenteil. Reviewer suchen es.
- PRISMA 2009 statt 2020. Wenn deine Arbeit nach 2021 erscheint, nutze die 2020er Version. Die alte Vorlage gilt als veraltet.
Fazit
Das PRISMA Flussdiagramm sieht aus wie ein bürokratisches Übel und ist in Wirklichkeit dein bestes Werkzeug, um deine eigene Methodik zu prüfen. Wer es ehrlich ausfüllt, merkt sofort, wo die Recherche dünn ist — und kann nachbessern, bevor der Reviewer es tut. Lad dir die offizielle Vorlage, schreib deine Zahlen vorher in eine Tabelle, und überlass den Rest der Software. Mehr ist es nicht.