PRISMA-Methode: Anleitung für systematische Literaturrecherche
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Wenn dir jemand sagt, du sollst “mal eben eine systematische Literaturrecherche machen”, klingt das harmlos – ungefähr so harmlos wie “fahr mal eben den Berg da hoch”. Spoiler: Es ist mehr Arbeit, als der Satz vermuten lässt. Genau deshalb gibt es die PRISMA-Methode. Sie ist kein Kreativ-Killer, sondern eine Art Navi: Sie sagt dir, welche Schritte du wann gehen musst, damit deine Recherche am Ende nachvollziehbar, vollständig und prüfsicher ist.
Dieser Hub ist dein kompletter Überblick zur PRISMA-Methode für die Literaturrecherche in wissenschaftlichen Arbeiten – von der Bachelorarbeit über die Masterarbeit bis zur Promotion. Du erfährst, was PRISMA überhaupt ist, wie die vier Phasen aufgebaut sind, was im PRISMA 2020 Statement steht, wie du das berüchtigte Flussdiagramm baust, wo KI-Tools sinnvoll helfen – und wo sie dich verleiten, an der falschen Stelle zu schummeln. Für die Tiefen-Dives zu Flussdiagramm und Checkliste verlinken wir dich an den passenden Stellen weiter.
Wer den ganz großen Rahmen will (also nicht nur Recherche, sondern den kompletten Arbeitsprozess), startet besser mit unserem Überblick. Alle anderen: Kaffee schnappen, los geht’s.
Was ist die PRISMA-Methode?
PRISMA steht für Preferred Reporting Items for Systematic reviews and Meta-Analyses. Übersetzt: Es ist eine standardisierte Reporting-Anleitung dafür, wie du eine systematische Übersichtsarbeit oder Meta-Analyse aufschreibst – damit Leser, Gutachter und nachfolgende Forscher**innen jeden deiner Schritte nachvollziehen können.
Wichtig: PRISMA ist kein Tool, das du installierst, und keine Datenbank, in der du suchst. PRISMA ist ein Berichtsstandard. Er sagt nicht “such bei PubMed”, sondern: “Wenn du eine systematische Literaturrecherche machst, dann dokumentiere bitte exakt diese 27 Punkte – sonst kann dir hinterher niemand glauben.”
Diese 27 Punkte stehen im PRISMA 2020 Statement, der aktuellen Version, veröffentlicht im BMJ von Page et al. Sie löste das ursprüngliche PRISMA-Statement aus dem Jahr 2009 ab, das aus dem QUOROM-Statement der 1990er hervorgegangen war. Heißt: Die Methode ist gewachsen, gereift und international anerkannt – sie ist in über 200 wissenschaftlichen Zeitschriften zitiert und in zahlreichen Hochschulleitfäden Pflicht.
Wann brauchst du PRISMA?
Nicht jede Recherche muss PRISMA-konform sein. Drei Faustregeln:
- Du machst eine systematische Übersichtsarbeit oder Meta-Analyse → PRISMA ist Standard, oft Pflicht.
- Deine Arbeit ist eine narrative Übersicht (klassischer Theorieteil) → PRISMA ist nicht verpflichtend, eine Light-Variante wirkt aber sehr professionell.
- Du schreibst eine Studie mit eigener Erhebung (Umfrage, Experiment) → die Recherche ist nur ein Baustein, PRISMA ist eher optional.
In Medizin, Pflege, Psychologie und Sozialwissenschaften wird PRISMA inzwischen auch in Bachelor- und Masterarbeiten erwartet. In den Wirtschaftswissenschaften setzt sich der Standard zunehmend durch. Wenn dein Betreuer das Wort “systematisch” benutzt, kannst du davon ausgehen: PRISMA ist gemeint.
Die PRISMA-Schritte: die vier Phasen im Überblick
Das Herzstück der PRISMA-Methode sind vier aufeinander aufbauende Phasen. Sie strukturieren deine Literaturrecherche von der ersten Suchanfrage bis zur finalen Studienauswahl – und genau dieser Pfad landet später im Flussdiagramm.
1. Identification (Identifikation)
Hier sammelst du alles ein, was theoretisch passen könnte. Konkret heißt das:
- Datenbanken festlegen – fachspezifisch: PubMed, Cochrane, PsycINFO, Scopus, Web of Science, Business Source Premier. Mindestens zwei, besser drei bis fünf.
- Suchstrings entwickeln – mit Booleschen Operatoren (AND, OR, NOT), Trunkierungen (
gesundheit*) und MeSH-Terms, wenn die Datenbank das anbietet. - Suchstring dokumentieren – Datum, Datenbank, exakter String, Trefferanzahl. Sonst ist deine Recherche nicht reproduzierbar.
- Zusatzquellen – Handsuche in Referenzlisten, Graue Literatur, Konferenzbände, manchmal auch Google Scholar als ergänzende Quelle.
Am Ende dieser Phase hast du eine Bruttozahl an Treffern. Bei systematischen Reviews ist das oft eine vierstellige Zahl. Das ist normal und sieht im Flussdiagramm beeindruckend aus.
Tipp: Wer Datenbanken noch nicht souverän einsetzt, findet im Guide /literaturrecherche-datenbanken/ eine Übersicht der wichtigsten Anlaufstellen pro Fachbereich. Und wenn du Google Scholar als Türöffner nutzen willst, lies vorher den Guide unter /google-scholar-literaturrecherche/ – Scholar ist mächtig, hat aber Eigenheiten.
2. Screening
Jetzt geht’s ans Aussortieren – und zwar in zwei Stufen:
- Duplikate entfernen – etwa mit Citavi, Zotero, EndNote oder Rayyan.
- Titel- und Abstract-Screening – du liest nur Überschrift und Kurzzusammenfassung und entscheidest pro Treffer: rein oder raus.
Wichtig: Du brauchst vorher festgelegte Ein- und Ausschlusskriterien. Sonst entscheidest du im Nachhinein nach Bauchgefühl, und genau das soll PRISMA verhindern. Übliches Schema: PICO (Population, Intervention, Comparison, Outcome) für klinische Fragen, SPIDER für qualitative Reviews.
Bei systematischen Reviews wird empfohlen, dass zwei Personen unabhängig screenen und sich bei Konflikten besprechen oder eine dritte Person hinzuziehen. Für eine Bachelorarbeit ist das meist nicht zu leisten – dokumentiere dann ehrlich, dass du allein gescreent hast.
3. Eligibility (Eignung)
Die verbliebenen Treffer ziehst du jetzt als Volltext und prüfst sie genau gegen deine Kriterien. Frage pro Studie: Erfüllt sie die Population? Methode? Outcomes? Sprache? Zeitraum?
Jeder Ausschluss in dieser Phase muss begründet sein – das ist der Punkt, der Anfängerinnen und Anfänger am häufigsten überrascht. Im Reporting steht später zum Beispiel: “12 Studien ausgeschlossen wegen falscher Population, 5 wegen fehlender Outcome-Daten, 3 wegen Sprache”. Erst diese Transparenz macht deine Recherche systematisch.
4. Included (Eingeschlossen)
Übrig bleibt deine finale Studienauswahl – meist eine ein- bis zweistellige Zahl. Diese Studien gehen in die qualitative Synthese (= du beschreibst und vergleichst sie). Falls es eine Meta-Analyse ist, kommt zusätzlich die quantitative Synthese dazu (= statistische Zusammenfassung der Effektstärken).
Im Flussdiagramm steht in der letzten Box dann nüchtern: “Studies included in the qualitative synthesis: n = 14” – das ist die Zahl, mit der du in deiner Arbeit weiterarbeitest.
PRISMA-Flussdiagramm erstellen
Das PRISMA-Flussdiagramm (oder Flow Diagram, manchmal auch Flowchart genannt) ist die visuelle Zusammenfassung der vier Phasen. Es zeigt mit Pfeilen und Boxen, wie viele Treffer du gefunden, geprüft und ausgeschlossen hast – und wie viele am Ende übrig blieben.
Im PRISMA 2020 Statement gibt es drei Varianten der Vorlage:
- für rein neue Reviews,
- für Updates bestehender Reviews,
- eine kombinierte Variante.
Du musst das Rad nicht neu erfinden. Auf der Website der PRISMA-Statement-Initiative (prisma-statement.org) findest du die offiziellen Vorlagen als Word- und PDF-Datei zum kostenlosen Download. Es gibt auch Tools wie Shiny App for PRISMA 2020, mit denen du das Diagramm halbautomatisch befüllst.
Für eine ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitung – inklusive ausfüllbarer Vorlage, typischer Stolperfallen und der Frage, ob du das Diagramm in den Anhang oder in den Hauptteil packst – schaltest du dich am besten direkt rüber in unseren detaillierten Guide: PRISMA Flussdiagramm (Flowchart): Vorlage & Anleitung.
Faustregel für die Praxis: Erstelle das Flussdiagramm am Ende deiner Recherche, aber bevor du anfängst zu schreiben. Es zwingt dich, deine Zahlen sauber zusammenzutragen – und wenn da etwas nicht aufgeht, merkst du es jetzt und nicht in der Verteidigung.
Das PRISMA Statement und die Checkliste
Neben dem Flussdiagramm ist die PRISMA-Checkliste das zweite zentrale Werkzeug. Sie enthält 27 Items, die du in deiner Arbeit abdecken solltest – verteilt auf:
- Titel und Abstract,
- Einleitung (Rationale, Fragestellung),
- Methoden (Suchstrategie, Auswahlkriterien, Datenextraktion, Bewertung des Verzerrungsrisikos),
- Ergebnisse (Auswahl, Charakteristika der Studien, Synthese),
- Diskussion (Zusammenfassung, Limitationen, Implikationen),
- Sonstiges (Finanzierung, Registrierung, Verfügbarkeit der Daten).
Die Checkliste ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um beim Schreiben nichts zu vergessen – und für Gutachter eine Krücke, um deine Arbeit fair zu beurteilen. Viele Zeitschriften verlangen die ausgefüllte Checkliste sogar als Supplement zur Einreichung.
Wie du die Checkliste strukturiert abarbeitest, was hinter jedem der 27 Items steht und wo Anfängerinnen klassischerweise stolpern, klären wir im Detail im Guide PRISMA Schema & Format: Aufbau der Checkliste.
Ein Tipp aus der Praxis: Lies die Checkliste zu Beginn deiner Recherche – nicht erst beim Reinschreiben. So weißt du, welche Daten du unterwegs erheben musst (z.B. Verzerrungsrisiko nach Cochrane RoB 2), und musst nicht hinterher rückwärts arbeiten.
Systematische Recherche mit KI-Tools beschleunigen
Hier kommt der Teil, auf den du als Helped-by-a-Nerd-Leser**in vielleicht gewartet hast: Ja, KI hilft dir bei der systematischen Recherche – aber nicht da, wo du es vermutest.
KI ersetzt keine Phase der PRISMA-Methode. Sie kann dich aber an mehreren Stellen beschleunigen. Ein realistischer Überblick:
- Connected Papers – Lädst du eine Schlüsselstudie hoch, baut das Tool eine Karte verwandter Arbeiten. Sehr stark für die Identification-Phase, weil du blinde Flecken siehst. Nicht stark genug, um Datenbankrecherche zu ersetzen.
- ResearchRabbit – Ähnlich wie Connected Papers, aber mit Sammlungen, Updates und Co-Author-Netzwerken. Gut, um über Zeit nichts zu verpassen.
- Elicit – Beantwortet Forschungsfragen anhand realer Paper, extrahiert Methoden- und Ergebnisdaten in Tabellen. Nützlich zur Vororientierung, aber überprüfe jede Aussage am Original.
- Perplexity (mit “Academic Mode”) – Schneller Einstieg in ein neues Thema mit Zitaten. Eher Brainstorming-Tool als Recherche-Werkzeug.
- Rayyan – Speziell für das Screening systematischer Reviews. Importiert Bibliographien, schlägt Dubletten vor, hilft beim kollaborativen Titel-/Abstract-Screening.
- Litmaps – Visualisiert dein Literaturnetzwerk und schickt dir Alerts, wenn neue relevante Paper erscheinen.
Was KI nicht kann (und wo du dich nicht reinlügen darfst): die formale Datenbankrecherche dokumentieren, einen Suchstring sauber begründen, ein PRISMA-konformes Verzerrungsrisiko bewerten oder die Entscheidung “in/out” pro Studie verteidigen. Wenn deine Methodenbeschreibung lautet “ich habe ChatGPT 50 Paper auswerten lassen”, scheiterst du an jeder Gutachterin mit fünf Sekunden Erfahrung.
Sinnvoller Workflow: Du nutzt KI vor und neben PRISMA – zur Themenfindung, für den ersten Überblick, um Schlüsselstudien zu finden. Sobald die eigentliche systematische Recherche startet, übernimmst du wieder das Steuer. Wer den Zwischenschritt “schnell ein paar Quellen sortieren” sucht, findet praxisnahe Tipps in unserem Guide /ki-fuer-literaturrecherche/.
Häufige Fehler bei der PRISMA-Methode
Aus der Praxis – das sind die Klassiker, die Betreuer**innen sofort sehen:
- Suchstring nicht dokumentiert. Du schreibst “Ich habe bei PubMed nach Stichworten gesucht” – das ist keine Recherche, das ist eine Anekdote. Liste exakte Suchstrings, Datenbank, Datum und Trefferzahl.
- Ein- und Ausschlusskriterien erst hinterher festgelegt. Damit fällt der ganze Anspruch “systematisch” in sich zusammen. Kriterien gehören vor das Screening, nicht danach.
- Flussdiagramm-Zahlen passen nicht zusammen. Klassiker: 800 identifiziert, 200 gescreent, 50 Volltexte, 14 eingeschlossen – aber 800 minus die Ausschlüsse ergeben nicht 14. Rechne dreimal nach.
- Reine Sekundärquellen ohne Volltext. Du extrahierst Aussagen aus Abstracts, ohne den Volltext zu lesen. Methodisch ein No-Go.
- Verzerrungsrisiko ignoriert. PRISMA 2020 verlangt eine Bewertung des Risk of Bias (etwa mit RoB 2 für RCTs oder ROBINS-I für nicht-randomisierte Studien). Ohne diese Bewertung ist deine Synthese rein deskriptiv.
- PRISMA mit narrativer Review verwechselt. Wenn du nur einen klassischen Theorieteil schreibst, ist es keine systematische Review. Verkaufe sie nicht als solche, sondern wähle ehrlich das Format.
- Kein Protokoll registriert. Ernsthafte Reviews registrieren das Vorgehen vorab in PROSPERO oder OSF Registries. Für Abschlussarbeiten ist das oft optional, signalisiert aber Qualität.
Wer diese sieben Punkte sauber abhakt, hat 80 % der Note schon eingepreist – egal ob du die Recherche analog oder mit KI-Unterstützung gemacht hast.
PRISMA im Studiums- und Schreiballtag
Du musst die PRISMA-Methode nicht nur in einer systematischen Review nutzen. Auch in einer normalen Bachelor- oder Hausarbeit kannst du PRISMA-Elemente einsetzen, um deinen Theorieteil professioneller wirken zu lassen:
- klar formulierte Forschungsfrage,
- dokumentierte Suchstrings,
- ein vereinfachtes Flussdiagramm im Anhang,
- transparente Ein- und Ausschlusskriterien.
Das nennt sich “PRISMA-light” und kostet dich vielleicht zwei zusätzliche Tage – die schlagen sich in der Methodenbewertung aber oft mit einer halben Note nieder. Konkrete Anwendungsbeispiele für angrenzende Formate findest du in unseren Guides zur Facharbeit mit KI, zur Projektarbeit schreiben und zum Exposé schreiben – letzteres ist der Punkt, an dem du am sinnvollsten ankündigst, ob du PRISMA voll oder light fahren willst.
FAQ zur PRISMA-Methode
Ist die PRISMA-Methode Pflicht in der Bachelorarbeit? Nein, formell ist sie nur für systematische Reviews und Meta-Analysen “Standard”. Wenn deine Arbeit eine systematische Recherche ankündigt, ist PRISMA aber faktisch erwartet – frag deine Betreuung vorher.
Was ist der Unterschied zwischen PRISMA und einer “normalen” Literaturrecherche? Eine normale (narrative) Recherche ist erlaubt, subjektiv und thematisch. Eine PRISMA-konforme Recherche ist transparent, reproduzierbar und folgt vorab festgelegten Kriterien.
PRISMA 2020 oder PRISMA 2009 – welche Version nutze ich? PRISMA 2020. Die alte 2009er-Version ist offiziell ersetzt. Wenn deine Hochschule noch Vorlagen von 2009 ausgibt, weise höflich auf das Update hin.
Wie viele Datenbanken muss ich durchsuchen? Es gibt keine harte Regel. Üblich sind drei bis fünf fachspezifische Datenbanken plus ergänzende Quellen (Handsuche, Graue Literatur). Begründe deine Auswahl im Methodenteil.
Darf ich KI für das Screening verwenden? Du darfst sie unterstützend nutzen (Dublettencheck, Vorschlagslisten in Rayyan), aber die Ausschlussentscheidung musst du selbst dokumentieren und verantworten. “Die KI hat aussortiert” ist keine zulässige Methode.
Wo bekomme ich die offiziellen Vorlagen? Auf prisma-statement.org – Flussdiagramm-Templates und Checkliste sind dort frei verfügbar. Schritt für Schritt erklären wir das ausfüllbare Diagramm im Guide PRISMA Flussdiagramm (Flowchart): Vorlage & Anleitung und die Checkliste in PRISMA Schema & Format: Aufbau der Checkliste.
Brauche ich PROSPERO? Pflicht nur für vollwertige systematische Reviews mit Publikationsabsicht. Für Abschlussarbeiten optional, aber ein Plus – es zeigt, dass du das Verfahren ernst nimmst und vor Beginn der Suche schon weißt, wonach du suchst.
Mit dieser Übersicht hast du den Werkzeugkasten beisammen: vier Phasen, ein Flussdiagramm, eine Checkliste – und ein realistisches Bild davon, wo KI dich unterstützt und wo nicht. Der nächste Schritt ist meistens der konkreteste: das Flussdiagramm bauen. Mach das früh, dokumentiere ehrlich, und der Rest deiner Recherche bekommt fast von selbst Struktur.